Jagdhaftpflichtversicherung – Tiergefahr und Benzinklausel
OLG Karlsruhe
Az: 12 U
133/06
Urteil vom
07.12.2006
Vorinstanz: Landgericht Mannheim – Az.: 8 O 32/06
Der Ausschluss der Deckungspflicht
einer Tierhalter-Haftpflichtversicherung für Schäden durch den Gebrauch eines
Kraftfahrzeugs (Benzinklausel) greift nicht ein, wenn sich im Schadensfall die
typische Tiergefahr verwirklicht.
Das Vorliegen einer Doppelversicherung ist für die Verpflichtung des einzelnen
Haftpflichtversicherers, dem Versicherungsnehmer vollen Deckungsschutz zu
gewähren, unerheblich.
In dem Rechtsstreit wegen
Haftungsfreistellung hat der 12. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe auf
die mündliche Verhandlung vom 07. Dezember 2006 für Recht erkannt:
1. Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil des Landgerichts Mannheim vom
21.04.2006 - 8 O 32/06 - wird mit der Maßgabe zurückgewiesen, dass der
Kostenausspruch gemäß Ziff. 2 im Rahmen der nachfolgenden Kostenentscheidung neu
gefasst wird.
2. Die Beklagte trägt die Kosten des Rechtstreits und die außergerichtlichen
Kosten der Streithelferin des Klägers. Die Streithelferin der Beklagten hat ihre
Kosten selbst zu tragen.
2. Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Die Zwangsvollstreckung kann durch
Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des aus dem Urteil vollstreckbaren
Betrages abgewendet werden, wenn nicht die Gegenseite vor der Vollstreckung
Sicherheit in Höhe von 110 % des jeweils zu vollstreckenden Betrages leistet.
4. Die Revision wird nicht zugelassen.
G R Ü N D E :
I.
Der Kläger begehrt Deckungsschutz aus der bei der Beklagten abgeschlossenen
Jagdhaftpflichtversicherung.
Der Kläger ist Jäger und Halter des Bayerischen Gebirgsschweißhundes „P".
Zwischen ihm und der Beklagten besteht ein Haftpflicht-Versicherungsverhältnis
für die Jagdjahre 01.04.2004 bis 31.03.2007 (Anlage K 1). In diesen Vertrag
wirksam mit einbezogen wurden die Besonderen Bedingungen und
Risikobeschreibungen (BBR) zur Jagdhaftpflichtversicherung.
Dort ist u. a. Folgendes geregelt:
„11. Nicht versicherte Risiken
11.2.1 Nicht versichert ist die Haftpflicht wegen Schäden, die der
Versicherungsnehmer, ein Mitversicherter oder eine von ihnen bestellte oder
beauftragte Person durch den Gebrauch eines Kraftfahrzeugs oder
Kraftfahrzeuganhängers verursachen".
Am 30.12.2004 fuhr der Kläger mit seinem Geländewagen ...., der bei der
Streithelferin des Klägers haftpflichtversichert ist, zum Anwesen des
Geschädigten Michael D, der ein Pferdegestüt unterhält. Der vom Kläger
mitgeführte Hund blieb zunächst im Pkw des Klägers; das Fenster des PKW war
leicht geöffnet. Nachfolgend gelang es "P", aus dem Fenster des PKW zu springen,
in den Stall des Geschädigten zu laufen und dessen hochklassiges Turnierpferd „C
VII" in die Hinterbeine zu beißen. Das angeleinte Pferd erschrak dabei so stark,
dass es stieg, ausrutschte und auf den Rücken fiel. Da der sofort hinzu gerufene
Tierarzt einen Hüftbruch feststellte, musste das Pferd eingeschläfert werden.
Der Kläger meldete der Beklagten den Schaden mit Anzeige vom 03.01.2005. In
dieser teilte der Kläger mit, dass sein Hund eventuell am automatischen
Fensterheber gedrückt habe und es dem Tier infolge dessen gelungen sei, aus dem
PKW herauszuspringen (Anlage K 6).
Der Kläger ist der Auffassung, die Beklagte und nicht die Streithelferin des
Klägers sei zur Schadensregulierung verpflichtet. Der Tod des Pferdes sei nicht
durch den Gebrauch seines Kraftfahrzeuges verursacht worden. Der Schaden sei
vielmehr deshalb entstanden, weil sich die typische Tiergefahr seines Hundes „P"
verwirklicht habe. Eine Doppelversicherung bestehe nicht. Die Streithelferin der
Beklagten sei der Vorversicherer des Klägers für Jagdhaftpflicht- und
Hundehaftpflicht gewesen. Der dortige Vertrag sei aber zum Ende des Jagdjahres
2003/2004 wirksam beendet worden.
Der Kläger hat in erster Instanz beantragt,
die Beklagte zu verurteilen, Versicherungsschutz aus dem
Jagdhaftpflichtversicherungsvertrag .... vom 10.02.2004 nach Maßgabe der
besonderen Bedingungen und Risikobeschreibungen (BBR) zur
Jagdhaftpflichtversicherung bezüglich durch seinen Gebirgsschweißhund „P" im
Reitstall des Herrn D ... am 30.12.2004 verursachten Schadens, insbesondere
soweit das Turnierpferd „C VII" verletzt worden ist, einschließlich der dem
Kläger entstehenden Kosten für die Verteidigung gegen die
Schadensersatzansprüche des Geschädigten Herrn Michael D .... zu gewähren.
Diesem Antrag schloss sich die Streithelferin des Klägers, der sowohl von Seiten
der Beklagten wie auch von Seiten des Klägers der Streit verkündet worden war,
an.
Die Beklagte und die Streithelferin der Beklagten, der ebenfalls von beiden
Parteien der Streit verkündet worden war, haben in erster Instanz beantragt,
die Klage abzuweisen.
Die Beklagte und die Streithelferin der Beklagten sind der Auffassung, dass das
Schadensereignis deshalb auf den Gebrauch des klägerischen Pkw zurückzuführen
sei, weil der Hund „P" technische Einrichtungen des Kraftfahrzeugs, nämlich den
automatischen Fensterheber, bedient habe. Nur im Zusammenhang damit sei es „P"
gelungen, den Hyundai, den der Kläger außerdem zum Einsperren seines Tieres
genutzt habe, zu verlassen. Dies wiederum habe zur Folge gehabt, dass der
Jagdhund das Turnierpferd derart habe verletzen können, dass dieses habe
eingeschläfert werden müssen.
Darüber hinaus behauptet die Beklagte, dass eine Doppelversicherung vorliege mit
der Folge, dass die Streithelferin der Beklagten - sollte man ihrer oben
aufgeführten Rechtsauffassung nicht folgen - ebenfalls Versicherungsschutz zu
gewähren habe.
Das Landgericht hat der Klage mit dem angegriffenen Urteil, auf dessen
tatsächliche Feststellungen Bezug genommen wird, stattgegeben. Ziff. 11.2.1 der
BBR zur Jagd- Haftpflichtversicherung (sog. "Benzinklausel") finde keine
Anwendung, da die Verletzung des Turnierpferdes nicht im Zusammenhang mit dem
Gebrauch des Kraftfahrzeuges durch den Kläger stehe. Weder Sinn und Zweck noch
Entstehungsgeschichte legten es nahe, die Ausschlussklausel auf den vorliegenden
Sachverhalt anzuwenden. Eine Doppelversicherung liege nicht vor; die
Streithelferin der Beklagten habe die am 29.10.2003 ausgesprochene Kündigung des
mit ihr bestehenden Jagdhaftpflichtversicherungsvertrages zum 01.04.2004
akzeptiert.
Mit der hiergegen gerichteten Berufung verfolgen die Beklagte und die
Streithelferin der Beklagten ihr Klagabweisungsbegehren weiter. Die Beklagte ist
der Auffassung, das Landgericht habe sich die Begründung eines Urteils des
Oberlandesgerichts Celle (VersR 2006, 256) zu eigen gemacht, ohne die
Besonderheiten des hiesigen Sachverhalts zu würdigen. Entscheidend sei, dass der
Kläger als Fahrer des bei der Streithelferin des Klägers versicherten PKW den
Zündschlüssel so im Zündschloss belassen habe, dass er auf der zweiten Stufe
stand; nur so sei es zu erklären, dass der Hund des Klägers durch das Fenster,
das zuvor nur leicht geöffnet gewesen sei, ins Freie habe gelangen können. Damit
habe eine Verbindung zur Batterie bestanden. Ein Fahrzeug, bei dem der
Zündschlüssel auf der zweiten Stufe stehe, sei zum Betrieb vorbereitet; das
Anstellen der Zündung diene bereits der Fortbewegung. In dieser
Vorbereitungshandlung liege ein "Gebrauch" des Fahrzeugs im Sinne der
"Benzinklausel". Dieser Gebrauch sei auch für den Schaden ursächlich geworden,
denn durch ihn habe der Kläger seine Verkehrssicherungspflicht in Bezug auf den
Hund verletzt; er habe damit dem Hund ermöglicht, das Fahrzeug, das zu diesem
Zeitpunkt quasi als Hundezwinger gedient habe, zu verlassen und sich dann frei
zu bewegen. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs fielen auch solche
Schäden unter die Kfz-Haftpflichtversicherung, die dadurch entstanden seien,
dass ein Tier aus einem im Betrieb befindlichen PKW entwichen sei.
Eine Doppelversicherung mit der Streithelferin der Beklagten habe entgegen der
Ansicht des Landgerichts bestanden. Die rückwirkende Aufhebung des
Vertragsverhältnisses in Kenntnis des Schadensereignisses verstoße gegen § 242
BGB.
Der Kläger und die Streithelferin der Beklagten beantragen unter Verteidigung
des erstinstanzlichen Urteils die Zurückweisung der Berufung.
Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die
gewechselten Schriftsätze nebst Anlagen Bezug genommen.
II.
Die zulässige Berufung ist unbegründet. Die Beklagte ist für den streitigen
Schadensfall einstandspflichtig. Auf die zutreffenden Ausführungen des
angegriffenen Urteils, die sich der Senat zu eigen macht, wird Bezug genommen.
Ergänzend ist nur Folgendes auszuführen:
1. Zu Recht hat das Landgericht ausgeführt, dass der Tatbestand der
"Benzinklausel" nach Ziff. 11.2.1 der BBR zur Jagd-Haftpflichtversicherung nicht
erfüllt ist. Der Kläger hat den Schaden nicht "durch den Gebrauch eines
Kraftfahrzeugs verursacht". Dies würde nach der Rechtsprechung des
Bundesgerichtshofs und des Oberlandesgerichts Karlsruhe voraussetzen, dass das
Fahrzeug im Zusammenhang mit der schadenstiftenden Verrichtung aktuell,
unmittelbar, zeitlich und örtlich nahe eingesetzt worden ist. Sinn und Zweck der
"Benzinklausel" ist, Überschneidungen zwischen von § 10 AKB gedeckten
Versicherungsfällen und solchen, für die die Privathaftpflicht (hier:
Jagd-Haftpflichtversicherung) eintritt, zu vermeiden. Erforderlich ist deshalb
eine Risikoabgrenzung; der Schaden ist dann durch den Gebrauch eines
Kraftfahrzeugs verursacht, wenn sich dabei ein spezifisches Risiko des
Kfz-Gebrauchs verwirklicht oder die Gefahr von dem Fahrzeug selbst ausgeht (vgl.
BGHZ 75, 45 ff.; OLG Karlsruhe NJW-RR 2005, 1344 f.).
Das ist hier nicht der Fall. Verwirklicht hat sich das Risiko, das von dem
Jagdhund des Klägers ausgeht; dieser hat sich aus dem PKW des Klägers befreit
und im Pferdestall des Geschädigten den Schaden verursacht, indem er dessen
Turnierpferd gebissen hat. Der Fall ist nicht anders zu beurteilen als wenn sich
der Hund von der Leine losgerissen und dann in gleicher Weise das Pferd gebissen
hätte.
Das gilt entgegen der Ansicht der Beklagten auch dann, wenn der Kläger das
Fahrzeug, in dem der Hund bleiben sollte, mit im Zündschloss steckendem, auf
zweiter Stufe stehendem Zündschlüssel abgestellt haben und der Hund deshalb in
der Lage gewesen sein sollte, das Seitenfenster zu öffnen, indem er mit der
Pfote den elektrischen Fensterheber betätigte. Auch in diesem Fall hätte sich
bei der gebotenen wertenden Betrachtung die von dem Hund ausgehende Tiergefahr,
nicht die vom Fahrzeug oder dessen Gebrauch ausgehende Gefahr verwirklicht.
Gerade wenn – wie die Beklagte ausführt - der Kläger seine Sorgfaltspflicht
verletzt haben sollte, indem er die Zündung eingeschaltet ließ, und sich die
dadurch geschaffene Gefahr durch das Entweichen des Hundes verwirklich haben
sollte, wäre der Schaden durch Verletzung einer Sorgfaltspflicht entstanden, die
den Kläger als Tierhalter traf, nämlich seinen Jagdhund unter Kontrolle zu
halten. Die den Kraftfahrer treffende Pflicht, das Fahrzeug durch Abstellen der
Zündung gegen ungewollte Fortbewegung zu sichern, hat mit dem eingetretenen
Schaden ersichtlich nichts zu tun.
Nichts anderes folgt aus der von der Beklagten zitierten Entscheidung des
Bundesgerichtshofs (BGH VersR 1988, 640 f.). Dort war ein Hund in der
unmittelbaren Folge eines mit dem PKW, in dem sich auch der Hund befunden hatte,
verursachten Verkehrsunfalls auf die Fahrbahn geraten und hatte weiteren Schaden
verursacht; es war offen, ob der Hund auf die Fahrbahn geschleudert worden war -
dann wäre der haftungsrechtliche Zusammenhang zum Gebrauch des Kraftfahrzeugs
unzweifelhaft gewesen - oder ob er durch die zerstörte Heckscheibe des
Unfallfahrzeugs hinausgesprungen war. In beiden Fällen stellte sich der von dem
Hund verursachte weitere Schaden als unmittelbare Folge des vorangegangenen
Unfalls und damit als ein Risiko dar, das vom Gebrauch des Fahrzeugs ausging.
Davon kann hier nicht die Rede sein. Wenn ein abgestellter PKW, wie die Beklagte
zutreffend ausführt, als Hundezwinger benutzt, aber unzureichend gegen
Entweichen des Hundes gesichert wird, stellt ein durch den entwichenen Hund
verursachter Schaden kein dem Gebrauch des PKW zuzuordnendes Risiko dar.
2. Ohne Belang für die Entscheidung des vorliegenden Rechtsstreits ist die
Frage, ob auch die Streithelferin der Beklagten als früherer
Jagdhaftpflichtversicherer für den eingetretenen Schaden einstandspflichtig ist.
Wenn dies, wie die Beklagte meint, der Fall sein sollte, würde die
Streithelferin der Beklagten gemäß § 59 Abs. 1 VVG als Gesamtschuldnerin
zusammen mit der Beklagten haften; an der Einstandspflicht der Beklagten würde
dies nichts ändern. Nur diese ist aber Gegenstand des vorliegenden
Rechtsstreits; Ausführungen über eine möglicherweise daneben bestehende
Einstandspflicht eines anderen Versicherers sind nicht veranlasst.
III.
Die Kostenentscheidung des Urteils erster Instanz war nach ihrem erkennbaren
Sinn wie erkannt klarzustellen. Die Entscheidung über die Kosten des
Berufungsverfahrens folgt aus § 97 ZPO. Die Entscheidung über die vorläufige
Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 708 Nr. 10, 711 ZPO.
Gründe für eine Zulassung der Revision gemäß § 543 Abs. 2 ZPO liegen nicht vor.