Urlaubsabgeltung – Aufrechnung mit
Vertragsstrafeversprechen
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz
Az: 8 Sa 676/06
Urteil vom 15.12.2006
1. Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Koblenz vom
23.06.2006 - 2 Ca2849/05 - wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.
2. Die Revision wird nicht zugelassen.
Tatbestand:
Die Parteien streiten um die Verpflichtung zur Zahlung von Urlaubsabgeltung und
vorsorglich zur Aufrechnung gestellter Gegenansprüche aus einer
Vertragsstrafenvereinbarung.
Die Klägerin war aufgrund eines schriftlichen Arbeitsvertrages vom 21.05.2004
mit Wirkung vom 01.07.2004 als examiniertes Fachpersonal
(Kinderkrankenschwester) von der Beklagten, die einen ambulanten Pflegedienst
betreibt, eingestellt worden.
Der Arbeitsvertrag enthält u. a. folgende Regelungen:
§ 2 Probezeit/Kündigungsfristen
1.....
2. Nach Ablauf der Probezeit gilt die eine Kündigungsfristen von 6 Wochen zum
Quartalsende.
...
§ 10 Vertragsstrafe
1. Die/der Arbeitnehmer(in) verpflichtet sich, eine Vertragsstrafe in Höhe einer
regelmäßigen Bruttomonatsvergütung (ohne Überstunden- oder sonst. Zuschläge) zu
zahlen, wenn sie/er das Arbeitsverhältnis rechtswidrig nicht aufnimmt oder
vertragswidrig vorzeitig beendet. Das gleiche gilt, wenn das Arbeitsverhältnis
durch außerordentliche Kündigung durch den Arbeitgeber beendet wird, wenn
die/der Arbeitnehmer/in) einen wichtigen Grund für diese Kündigung gesetzt hat.
2. Der Arbeitgeber ist berechtigt, einen weitergehenden Schadensersatzanspruch
geltend zu machen.
.......
Die Klägerin erklärte mit Schreiben vom 02.06.2005 gegenüber der Beklagten die
Kündigung des Arbeitsverhältnisses zum 30.06.2005.
Mit ihrer am 04.10.2005 zum Arbeitsgericht erhobenen Klage begehrt die Klägerin
Urlaubsabgeltung für 19 Urlaubstage in rechnerisch unstreitiger Höhe von
1.284,87 EUR. Die Beklagte ihrerseits hat durch eine am 07.10.2005 vor dem
Arbeitsgericht erhobenen Klage - 2 Ca 2914/05 - u. a. die Zahlung einer
Vertragsstrafe begehrt.
Die diesbezügliche Klage wurde durch Urteil vom 23.06.2006 - 2 Ca 2914/05 -
abgewiesen. Die hiergegen unter dem Aktenzeichen 8 Sa 677/06 zum
Landesarbeitsgericht eingelegte Berufung wurde am 15.12.2006 mit der
vorliegenden Sache verhandelt.
Die Klägerin hat erstinstanzlich beantragt,
die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin 1.284,87 EUR brutto nebst Zinsen
hieraus in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweiligen Basiszinssatz ab dem
01.07.2005 zu zahlen.
Die Beklagte hat erstinstanzlich,
Klageabweisung
beantragt und die Auffassung vertreten, der Urlaubsabgeltungsanspruch der
Klägerin sei verfallen, weil diese trotz Hinweis der Beklagten die
arbeitsvertraglich vereinbarte Kündigungsfrist von 6 Wochen zum Quartal nicht
eingehalten habe. Vorsorglich würde mit einem Gegenanspruch auf Zahlung einer
Vertragsstrafe in Höhe einer Monatsvergütung wegen Nichteinhaltung der
arbeitsvertraglich vereinbarten Kündigungsfrist unter Bezugnahme auf § 10 des
Arbeitsvertrages aufgerechnet.
Das Arbeitsgericht Koblenz hat durch Urteil vom 23.06.2006 - 2 Ca 2849/05 - die
Beklagte zur Zahlung von Urlaubsabgeltung für 19 Urlaubstage in Höhe von
1.284,87 EUR brutto verurteilt. Zur Begründung wurde im Wesentlichen ausgeführt,
die Zahlungsverpflichtung der Beklagten bestünde, weil der Resturlaub wegen
Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr habe gewährt werden können. Das
Bundesurlaubsgesetz sehe selbst im Falle einer fristlosen Kündigung keine
Verwirkung von Urlaubsabgeltungsansprüchen vor. Die von der Beklagten erklärte
Aufrechnung mit einer Vertragsstrafe bliebe ohne Erfolg. Die Beklagte habe nicht
substantiiert dargetan, ob und in welchem Umfang gegen den Klagebetrag überhaupt
eine Pfändung zulässig wäre.
Gegen das der Beklagten am 28.07.2006 zugestellte Urteil richtet sich deren am
25.08.2006 und am 28.09.2006 begründete Berufung.
Die Beklagte zu deren Begründung weiter vor,
zwar würde die fristlose Eigenkündigung den Urlaubsabgeltungsanspruch nicht
ausschließen, die Rechtssprechung räume jedoch einen Missbrauchseinwand ein. Die
Klägerin habe eine rechtswidrige Kündigung ausgesprochen, da sie einen anderen
Job gehabt habe. Die Auffassung des Arbeitsgerichts zur Unzulässigkeit der
Aufrechnung sei falsch. Schutzzweck des § 850 c ZPO sei die Sicherstellung des
Lebensunterhalts des Arbeitnehmers, der vorliegend nicht zur Disposition stünde.
Wegen der weiteren Einzelheiten der Berufungsbegründung wird auf den Schriftsatz
der Beklagten vom 28.09.2006 (Bl. 91 - 96 d. A.) verwiesen.
Die Beklagte beantragt zweitinstanzlich,
das Urteil des Arbeitsgerichts Koblenz abzuändern und die Klage abzuweisen.
Die Klägerin hat
Zurückweisung der Berufung
beantragt und erwidert,
ein Rechtsmissbrauch läge in der Verfolgung der Urlaubsabgeltungsansprüche nicht
vor. Zum weiteren wird auf die Berufungsbeantwortungsschrift vom 20.11.2006 (Bl.
105 - 106 d. A.) Bezug genommen.
Auf die Feststellungen der Sitzungsniederschrift der mündlichen Verhandlung vor
dem Landesarbeitsgericht vom 15.12.2006 wird Bezug genommen.
Entscheidungsgründe:
I.
Die Berufung der Beklagten ist gemäß § 64 Abs. 2 lit. B ArbGG statthaft. Sie ist
gemäß §§ 64 Abs. 6, 66 Abs. 1 ArbGG i. V. m. § 519, 520 ZPO form- und
fristgerecht eingelegt, sowie begründet worden. Sie ist insgesamt zulässig.
II.
In der Sache selbst bleibt die Berufung jedoch ohne Erfolg.
Das Arbeitsgericht ist im angefochtenen Urteil im Ergebnis und in Teilen der
Begründung zutreffend zu der Auffassung gelangt, dass die Beklagte zur Zahlung
von Urlaubsabgeltung für 19 Urlaubstage in Höhe von 1.284,87 EUR brutto nebst
Zinsen verpflichtet ist.
Die Kammer nimmt zunächst gemäß §§ 69 Abs. 2 ArbGG, 540 ZPO Bezug auf den
begründenden Teil im angefochtenen Urteil, stellt dies fest und sieht hier unter
Übernahme der wesentlichen Entscheidungsgründe von einer weiteren Darstellung
ab.
Wegen der Angriffe der Berufung besteht Veranlassung zu folgenden ergänzenden
Ausführungen:
1.
Soweit die Berufung die Auffassung vertritt, dem von der Klägerin verfolgten
Urlaubsabgeltungsanspruch gegenüber könne der Missbrauchseinwand erhoben werden
und sie sich auf das Urteil des LAG Hamm vom 12.01.1998 - 19 Sa 1851/97 -
bezieht, vermag dem die Berufungskammer aus rechtlichen und tatsächlichen
Gründen nicht zu folgen. § 7 Abs. 4 Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) stellt eine
Ausnahmeregelung vom Verbot der Bezahlung von Urlaub dar und wird nach ständiger
Rechtssprechung als Ersatz für den wegen Beendigung des Arbeitsverhältnisses
noch bestehenden und nicht mehr realisierbaren Urlaubsanspruch angesehen (vgl.
Dörner, Erfurter Kommentar zum Arbeitsrecht, 7. Auflage 2007, 250 BurlG § 7 Rz
86). Für das Entstehen des Abgeltungsanspruches kommt es nicht auf die Art der
Beendigung an (Dörner, a. a. O. Rz 93). Er ist auch nicht an das Vorliegen eines
bestimmten Verhaltens des Arbeitnehmers gebunden, sodass für das Entstehen des
Urlaubsabgeltungsanspruchs und für seinen Bestand nach dem Gesetz auch nicht
maßgeblich ist, ob der Arbeitnehmer das Arbeitsverhältnis vertragswidrig
vorzeitig aufgelöst hat (so schon BAG Urteil vom 18.06.1980 - 6 AZR 328/78).
Allein aus diesen Gründen erhellt, dass dem Begehren der Klägerin gegenüber ein
Missbrauchseinwand (§ 242 BGB) nicht erhoben werden kann. Auch unter
Berücksichtigung der Nichteinhaltung der arbeitsvertraglich vorgesehenen
ordentlichen Kündigungsfrist durch die Klägerin gilt dies. Nach den vorliegend
gegebenen Umständen liegt es auch so, dass die Klägerin ihr Arbeitsverhältnis
nicht mit sofortiger Wirkung, sondern immerhin unter Einhaltung einer
vierwöchigen Frist ausgesprochen hat.
2.
Ob die Auffassung des Arbeitsgerichts zur Unzulässigkeit der Aufrechnung führt
und der von der Berufung angeführte Schutzzweck des § 850 c ZPO zutrifft, kann
auf sich beruhen, da der Beklagten kein aufrechenbarer Gegenanspruch aus der
arbeitsvertraglichen Vertragsstrafenvereinbarung (§ 10) zusteht. Insoweit wird
auf die Entscheidungsgründe im am gleichen Tag verkündeten Urteil des
Landesarbeitsgerichts im Verfahren 8 Sa 677/06 ausdrücklich Bezug genommen.
III.
Die Kostenentscheidung folgt aus § 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. § 97 Abs. 1 ZPO.
Von der Zulassung der Revision wurde mangels gesetzlicher Bedeutung abgesehen (§
72 Abs. 2 ArbGG).