Die Haftung beim Glatteis-Unfall birgt für Autofahrer erhebliche finanzielle Risiken. Wer die Kontrolle verliert, muss durch den sogenannten Anscheinsbeweis (die juristische Vermutung eines Fahrfehlers) oft allein für den Schaden aufkommen. Bei falscher Bereifung drohen zudem Regressforderungen (Rückzahlungsansprüche) der Versicherung. Auch der Verweis auf ungestreute Straßen schützt nur selten, da die kommunale Winterdienstpflicht engen Grenzen unterliegt. Wann ist eine Mithaftung des Gegners durchsetzbar und wie lässt sich der Vorwurf der groben Fahrlässigkeit entkräften?
Übersicht:
- Auf einen Blick
- Ist Glatteis höhere Gewalt oder allgemeines Lebensrisiko?
- Wie wirkt sich der Anscheinsbeweis auf die Schuldfrage aus?
- Wie entscheiden Gerichte bei typischen Glatteis-Unfällen?
- Wer haftet für Schäden bei Mitfahrern?
- Zahlt die Versicherung bei Glatteis-Unfall mit Sommerreifen?
- Wann greift die situative Winterreifenpflicht?
- Reichen Ganzjahresreifen rechtlich aus?
- Darf die Haftpflichtversicherung Geld zurückfordern?
- Zahlt die Vollkasko bei Sommerreifen im Winter?
- Risiko-Matrix: Finanzielle Folgen von Sommerreifen im Winter
- Zahlt die Vollkasko auch bei „unangepasster Geschwindigkeit“?
- Mögliche strafrechtliche Folgen
- Wann haftet die Gemeinde wegen verletzter Streupflicht?
- Was tun nach einem Glatteis-Unfall? (Checkliste)
- Experten-Einblick
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Haben verletzte Familienmitglieder als Beifahrer Anspruch auf Schmerzensgeld?
- Gefährdet das Bezahlen eines Bußgeldes nach dem Glatteisunfall den Kaskoschutz?
- Darf die Vollkasko bei Reifen ohne Alpine-Symbol die Leistung kürzen?
- Besteht bei spiegelglatter Fahrbahn eine Mithaftung des Unfallgegners?
- Kann die Haftpflichtversicherung bei Sommerreifen im Winter Geld zurückfordern?

Auf einen Blick
- Der juristische Anscheinsbeweis spricht für einen Fahrfehler, wenn ein Auto auf winterglatter Fahrbahn ohne erkennbaren äußeren Anlass die Kontrolle verliert.
- Die Aussage „Ich habe gebremst, aber rutschte weiter“ gilt vor Gericht als Schuldeingeständnis für zu geringen Sicherheitsabstand.
- Wer mit Sommerreifen einen Unfall verursacht, muss bis zu 5.000 € Regress an seine eigene Haftpflichtversicherung zahlen.
- Die Vollkaskoversicherung darf bei Sommerreifen-Nutzung die Zahlung wegen grober Fahrlässigkeit komplett verweigern.
- Bei offensichtlicher Spiegelglätte tragen Unfallgegner oft eine Mithaftung von 25 % bis 50 %, wenn sie nicht vorsichtig fuhren.
- Die kommunale Streupflicht gilt innerorts meist nur an Gefahrenstellen und zeitlich begrenzt zwischen 07:00 und 20:00 Uhr.
- Eigene Mitfahrer haben Schadensersatzansprüche gegen die Kfz-Haftpflichtversicherung des Fahrers, auch bei Familienangehörigen.
- Bei Verkehrsunfällen mit Personenschaden leiten die Behörden häufig ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 StGB) gegen den mutmaßlichen Unfallverursacher ein.
Ist Glatteis höhere Gewalt oder allgemeines Lebensrisiko?
In dem Moment, in dem Ihre Reifen die Haftung verlieren, fühlen Sie sich oft hilflos. Das Lenkrad reagiert nicht, die Bremse pulsiert ins Leere, das Fahrzeug folgt nur noch den Gesetzen der Physik. Nach dem Aufprall ist Ihre erste Reaktion wahrscheinlich Verteidigung: „Ich konnte nichts dafür. Es war plötzlich spiegelglatt. Das war höhere Gewalt.“
Juristisch betrachtet ist diese Annahme fast immer ein Irrtum. Deutsche Gerichte urteilen hier streng und nüchtern. Für den Gesetzgeber und die Rechtsprechung sind Schnee und Eis in Mitteleuropa keine unvorhersehbaren Katastrophen, sondern allgemeines Lebensrisiko.
„Die Ersatzpflicht ist ausgeschlossen, wenn der Unfall durch höhere Gewalt verursacht ist“ (§ 7 Abs. 2 StVG)
Das zentrale Gesetz hierfür ist § 7 des Straßenverkehrsgesetzes (StVG). Absatz 2 schließt die Haftung zwar bei „höherer Gewalt“ aus. Der Bundesgerichtshof hat in ständiger Rechtsprechung klargestellt: Höhere Gewalt erfordert ein außergewöhnliches, betriebsfremdes, von außen kommendes und auch bei äußerster Sorgfalt nicht abwendbares Ereignis. Winterliche Wetterverhältnisse wie Schnee- oder Eisglätte gehören in aller Regel zum normalen Betriebsrisiko eines Autos und stellen daher für sich genommen keine höhere Gewalt dar. Hier greift die Gefährdungshaftung – also die Haftung, die allein durch das Betreiben eines Fahrzeugs entsteht.
Das Wichtigste zur Haftungsgrundlage:
- Glatteis gilt rechtlich als allgemeines Lebensrisiko, nicht als höhere Gewalt.
- Es greift fast immer die Gefährdungshaftung (§ 7 StVG), womit der Fahrer für das Betriebsrisiko seines Autos einsteht.
- Überraschendes Eis entlastet den Fahrer in der Regel nicht von der Schuld.

Wie wirkt sich der Anscheinsbeweis auf die Schuldfrage aus?
Wenn Sie auf glatter Fahrbahn die Kontrolle verlieren, stehen Sie vor einem erheblichen beweisrechtlichen Problem. In der juristischen Aufarbeitung dominiert nicht Ihre subjektive Wahrnehmung („Ich bin doch schon langsam gefahren“), sondern eine objektive Beweisregel: der Anscheinsbeweis.
Dieser Rechtsgrundsatz besagt: Wenn ein typischer Geschehensablauf vorliegt (Auto kommt auf Eis von der Fahrbahn ab), spricht der erste Anschein dafür, dass der Fahrer einen Fehler gemacht hat. Die Gerichte leiten dies direkt aus § 3 der Straßenverkehrsordnung (StVO) ab. Dort steht unmissverständlich: Sie müssen Ihre Geschwindigkeit den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen anpassen.
Die Logik der Richter dreht sich hier im Kreis – leider zu Ihrem Nachteil:
- Ein angepasster Fahrer behält die Kontrolle über sein Fahrzeug.
- Sie haben die Kontrolle verloren.
- Folglich war Ihre Geschwindigkeit für diese konkrete Situation zu hoch – egal, ob Sie 100 km/h oder 20 km/h fuhren.
Zusätzlich greift § 18 StVG, der ein Verschulden des Fahrers gesetzlich vermutet. Sie müssen aktiv beweisen, dass Sie keine Schuld trifft (Beweislastumkehr). Das gelingt fast nie, denn dafür müssten Sie darlegen, dass ein technischer Defekt vorlag oder die Glätte an dieser Stelle so untypisch und lokal begrenzt war, dass selbst ein Idealfahrer sie nicht hätte erahnen können. Solange Thermometer und Kalender Winter anzeigen, verlangen Richter, dass Sie mit Glätte rechnen.
Wichtiger Hinweis:
Fehlt dieser Verzicht in der Police, bieten Versicherer oft Kompromisslösungen an (z.B. eine hälftige Schadensteilung). Viele Betroffene nehmen dies aus Sorge vor einer vollständigen Leistungsablehnung an. Oft ist der Vorwurf der groben Fahrlässigkeit juristisch jedoch nicht haltbar. Unterschreiben Sie keine Abfindungserklärung ohne anwaltliche Prüfung.
Kann eine Dashcam den Anscheinsbeweis entkräften?
Ja, Videoaufnahmen einer Dashcam sind mittlerweile ein zulässiges Beweismittel im Zivilprozess. Der Bundesgerichtshof (BGH) entschied im Urteil VI ZR 233/17, dass das Beweisinteresse des Unfallopfers oft schwerer wiegt als der Datenschutz des Unfallgegners.
Dies ist besonders bei Glatteisunfällen wertvoll: Wenn das Video belegt, dass Sie nicht durch einen Fahrfehler ins Rutschen kamen, sondern durch ein plötzliches, unabwendbares Ereignis (z. B. ein anderes Fahrzeug schneidet Sie, Wildwechsel), kann dies den Anscheinsbeweis erschüttern und Ihre Haftung abwenden.
Wichtigste Punkte zur Beweislast:
- Gerichte wenden bei Glatteisunfällen den Anscheinsbeweis an: Wer rutscht, war zu schnell oder unaufmerksam.
- Subjektive Aussagen zur Fahrweise reichen zur Entlastung meist nicht aus.
- Dashcam-Aufnahmen sind ein zulässiges Mittel, um Fremdverschulden zu beweisen und den Anscheinsbeweis zu erschüttern.
Wie entscheiden Gerichte bei typischen Glatteis-Unfällen?
Die abstrakte Rechtslage führt in der Praxis zu harten Urteilen. Je nach Unfallszenario haben sich feste Haftungsquoten etabliert, die Sie kennen müssen, um Ihre Chancen realistisch einzuschätzen.
Ist der Hintermann bei Glatteis immer schuld?
„Der Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug muss in der Regel so groß sein, dass auch dann hinter diesem gehalten werden kann, wenn es plötzlich gebremst wird“ (§ 4 Abs. 1 Satz 1 StVO)
Wenn Sie auf glatter Straße Ihrem Vordermann auffahren, tragen Sie fast immer die alleinige Schuld (100 %). Der Satz „Ich habe gebremst, aber das Auto rutschte weiter“ ist für Juristen kein Entlastungsargument, sondern ein Nachteil. Er beweist nämlich, dass Ihr Sicherheitsabstand (§ 4 StVO) für die schwierigen Straßenverhältnisse zu gering war. Eine Mithaftung des Vordermanns kommt nur in Betracht, wenn dieser ohne zwingenden Grund stark bremste. Da aber auch das Bremsen aus Schreck bei Glätte oft als verständliche Reaktion gewertet wird, bleibt die Haftung meist voll an Ihnen hängen.
Wer haftet, wenn das Auto in den Gegenverkehr rutscht?
Besonders gefährlich und teuer sind Unfälle, bei denen ein Fahrzeug in den Gegenverkehr schleudert. Hier prallen 2 Betriebsgefahren aufeinander.
Grundsätzlich gilt: Wenn Sie in den Gegenverkehr geraten, haften Sie allein. Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm urteilte (Az. 6 U 29/97), dass dieser Fehler so schwer wiegt, dass die normale Haftung des Gegners (die sogenannte Betriebsgefahr) komplett entfällt. Da Sie gegen das Rechtsfahrgebot verstoßen haben, tragen Sie die alleinige Verantwortung.
Es gibt jedoch eine wichtige Ausnahme: Die Mithaftung des Unfallgegners bei erkennbarer Glätte. Wenn Ihr Unfallgegner trotz erkennbarer Eisbahn seine Geschwindigkeit unverändert beibehielt, unterstützt Sie unser Fachanwalt für Verkehrsrecht dabei, dessen Mithaftung (oft 25 % bis 50 %) durchzusetzen.
Praxis-Hürde Regulierung:
Rechnen Sie damit, dass die gegnerische Versicherung eine Mithaftung zunächst pauschal ablehnt. Typischerweise argumentiert die Gegenseite mit einem „unabwendbaren Ereignis“ für ihren Versicherungsnehmer. Die Quote von 25 % bis 50 % wird erfahrungsgemäß oft erst gezahlt, wenn ein Anwalt mit Klage droht und konkret darlegt, an welchen objektiven Anzeichen (z.B. vereiste Scheiben, Reif auf Leitplanken) der Gegner die Gefahr hätte erkennen müssen.
Gilt plötzliches Blitzeis als höhere Gewalt?
Viele Fahrer hoffen, sich mit dem Argument „plötzliches Blitzeis“ zu entlasten. Das OLG Frankfurt (Az. 22 U 89/14) hat diese Hoffnung weitgehend zerstört. Auch bei Blitzeis greift der Anscheinsbeweis gegen Sie. Um sich darauf zu berufen, müssten Sie beweisen, dass es sich um eine lokal begrenzte Anomalie handelte (z. B. nur unter einer Brücke), während ringsum keine Anzeichen für Glätte sprachen. In einer allgemeinen winterlichen Wetterlage können Sie diesen Beweis praktisch nicht führen.
| Unfalltyp | Haftungsverteilung | Begründung / Detail |
|---|---|---|
| Auffahrunfall | 100 % Hintermann | Anscheinsbeweis für ungenügenden Sicherheitsabstand bei Glätte. |
| Schleudern in Gegenverkehr | 100 % Schleudernder | Verstoß gegen Rechtsfahrgebot; Betriebsgefahr des Gegners tritt zurück. |
| Gegenverkehr (Eis sichtbar) | 25 % bis 50 % Mithaftung Gegner | Nur wenn Gegner trotz erkennbarer Spiegelglätte nicht bremsbereit war. |
| Plötzliches Blitzeis | Meist 100 % Fahrer | Gilt fast nie als höhere Gewalt, da Wetterlage meist Indizien lieferte. |
Wer haftet für Schäden bei Mitfahrern?
Ein oft übersehener, aber kritischer Aspekt ist die Haftung gegenüber den eigenen Insassen. Wenn Sie als Fahrer einen Unfall auf Glatteis verursachen und Ihre Beifahrer dabei verletzt werden, haben diese einen direkten Anspruch auf Schadensersatz und Schmerzensgeld.
Dieser Anspruch richtet sich gegen Ihre eigene Kfz-Haftpflichtversicherung. Dies gilt auch dann, wenn es sich bei den Mitfahrern um enge Familienangehörige wie Ehepartner oder Kinder handelt. Die Versicherung muss deren Schäden (Heilbehandlungskosten, Verdienstausfall, Schmerzensgeld) regulieren, selbst wenn Sie die alleinige Schuld am Unfall tragen.
Eine Ausnahme bildet lediglich der Fahrer selbst: Wer am Steuer sitzt und den Unfall verursacht, erhält von der eigenen Haftpflichtversicherung keine Entschädigung für eigene Verletzungen. Hier greift nur eine spezielle Fahrerschutzversicherung oder eine private Unfallversicherung.
Zahlt die Versicherung bei Glatteis-Unfall mit Sommerreifen?
Die wesentlichen finanziellen Risiken liegen jedoch nicht im Strafrecht, sondern im Zivilrecht. Eine falsche Bereifung kann den Versicherungsschutz gefährden und zu erheblichen Kosten führen.
Wann greift die situative Winterreifenpflicht?
In Deutschland gilt die situative Winterreifenpflicht (§ 2 Abs. 3a StVO). Das bedeutet: Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis- oder Reifglätte dürfen Sie nur mit wintertauglichen Reifen fahren. Wintertauglich sind heute ausschließlich Reifen mit dem „Alpine-Symbol“ (Bergpiktogramm mit Schneeflocke). Ältere M+S-Reifen ohne dieses Symbol dürfen bei Eis und Schnee nicht mehr verwendet werden.
Wenn Sie ohne Winterreifen einen Unfall verursachen, zahlen Sie ein Bußgeld von 120 € und erhalten 1 Punkt in Flensburg. Dies ist jedoch nur einer der rechtlichen Aspekte.
Reichen Ganzjahresreifen rechtlich aus?
Wie bereits weiter oben im Abschnitt zur situativen Winterreifenpflicht erläutert, müssen Ganzjahresreifen zwingend das Alpine-Symbol (Bergpiktogramm mit Schneeflocke) tragen, um rechtlich als wintertauglich zu gelten.
Fahren Sie bei winterlichen Verhältnissen mit Reifen, die nur die M+S-Kennung haben, gilt dies rechtlich als Fahren mit Sommerreifen. Sie riskieren damit Bußgelder und Ihren Versicherungsschutz, selbst wenn das Profil noch tief genug wäre.
Darf die Haftpflichtversicherung Geld zurückfordern?

Ihre Kfz-Haftpflichtversicherung zahlt dem Unfallopfer den Schaden immer, auch wenn Sie mit Sommerreifen unterwegs waren; der Opferschutz hat Vorrang. Die Versicherung kann sich das Geld jedoch von Ihnen zurückholen.
Wer mit Sommerreifen fährt, verletzt laut Juristen eine Obliegenheit (eine vertragliche Pflicht, deren Verletzung den Versicherungsschutz gefährdet).
Die Konsequenz: Der Versicherer nimmt Sie in Regress und fordert bis zu 5.000 € zurück. Die Summe ist gesetzlich gedeckelt, um eine Existenzgefährdung zu vermeiden.
Zahlt die Vollkasko bei Sommerreifen im Winter?
„Führt der Versicherungsnehmer den Versicherungsfall grob fahrlässig herbei, ist der Versicherer berechtigt, seine Leistung in einem der Schwere des Verschuldens entsprechenden Verhältnis zu kürzen“ (§ 81 Abs. 2 VVG)
Erheblicher sind die Auswirkungen bei Ihrem eigenen Schaden (Vollkasko). Hier greift § 81 des Versicherungsvertragsgesetzes (VVG). Bei grober Fahrlässigkeit darf der Versicherer die Leistung kürzen – bis hin zum vollständigen Wegfall.
Das OLG Frankfurt (Az. 3 U 186/02) wertete bereits den Antritt einer Fahrt in den Winterurlaub mit Sommerreifen als grobe Fahrlässigkeit. Wenn Sie bei Schnee auf Sommerreifen einen Unfall bauen, müssen Sie damit rechnen, dass Ihre Kaskoversicherung Ihnen nur einen Bruchteil des Schadens ersetzt oder die Zahlung komplett verweigert.
Eine Ausnahme besteht, wenn moderne Versicherungspolicen den Baustein „Verzicht auf den Einwand der groben Fahrlässigkeit“ enthalten. Enthält der Vertrag diesen Satz, leistet die Versicherung in der Regel auch bei Fehlern im Zusammenhang mit der Bereifung (außer bei Alkohol oder Vorsatz).
Risiko-Matrix: Finanzielle Folgen von Sommerreifen im Winter
Viele Autofahrer verwechseln die Folgen für Haftpflicht- und Kaskoversicherung. Diese Tabelle verdeutlicht den entscheidenden Unterschied: Während Sie bei der Haftpflicht „nur“ eine Strafe zahlen (Regress), riskieren Sie bei der Kasko den kompletten Versicherungsschutz.
- Datenaufnahme: Notieren Sie Adressen von Zeugen (nicht nur Kennzeichen!). Zeugen sind essenziell, um später den Straßenzustand (z. B. Spiegelglätte) zu beweisen.
- Versicherung: Melden Sie den Unfall sofort, aber geben Sie ohne Anwalt keine detaillierte Schilderung zum Hergang ab. Nutzen Sie das Argument der „groben Fahrlässigkeit“ (Verzichtsklausel) aktiv, falls in Ihrer Police vorhanden.
| Bereich | Konsequenz | Rechtsgrundlage / Detail |
|---|---|---|
| Bußgeld & Punkte | 120 € + 1 Punkt | Gilt bei Unfallverursachung (§ 2 Abs. 3a StVO). Eintrag ins Fahreignungsregister. |
| Kfz-Haftpflicht (Schaden des Gegners) | Regress bis 5.000 € | Versicherung zahlt dem Opfer alles, holt sich aber vom Fahrer bis zu 5.000 € zurück (§ 5 KfzPflVV). |
| Vollkasko (Eigener Schaden) | Leistungsfreiheit (0 €) möglich | Wegen grober Fahrlässigkeit (§ 81 VVG). Schutz besteht nur, wenn der Tarif auf diesen Einwand explizit verzichtet. |
Achtung Falle:
Fehlt dieser Verzicht in Ihrer Police, bieten Versicherer oft schnelle Vergleiche an. Da der Vorwurf grober Fahrlässigkeit oft rechtlich angreifbar ist, bewertet unser Fachanwalt für Verkehrsrecht die Situation für Sie, bevor Sie eine Abfindungserklärung unterschreiben.
Zahlt die Vollkasko auch bei „unangepasster Geschwindigkeit“?
Wie bereits erwähnt und im untenstehenden Experten-Einblick vertieft, befürchten viele Autofahrer Konsequenzen, wenn die Polizei eine „unangepasste Geschwindigkeit“ notiert. Grundsätzlich handelt es sich dabei jedoch meist nur um einfache Fahrlässigkeit, die von der Vollkasko abgedeckt wird.
Der Versicherer kürzt die Leistung wegen grober Fahrlässigkeit meist nur bei gravierenden Verstößen, die „jedem hätten einleuchten müssen“ – etwa bei Sommerreifen auf Schnee, massivem Überschreiten des Tempolimits oder Alkoholkonsum. Wer lediglich die Glätte unterschätzt hat, bekommt den Schaden am eigenen Auto meist ersetzt.
Mögliche strafrechtliche Folgen
Neben den finanziellen Fragen (Zivilrecht) droht bei Glatteisunfällen oft auch Ungemach von der Staatsanwaltschaft (Strafrecht). Sobald bei einem Unfall Personen verletzt werden, leitet die Polizei in der Regel ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 StGB) ein.
Die Behörden prüfen hierbei, ob Sie die erforderliche Sorgfalt im Verkehr außer Acht gelassen haben. Bei Glatteis argumentieren Ermittler oft, der Fahrer habe seine Fahrweise nicht an die Witterung angepasst. Zwar stellen Behörden solche Verfahren bei Ersttätern oft gegen eine Geldauflage ein, doch im schlimmsten Fall drohen eine Geld- oder sogar eine Freiheitsstrafe.
Eine strafrechtliche Verurteilung oder ein Strafbefehl führt in der Regel zu 2 bis 3 Punkten in Flensburg und kann als Vorstrafe im Führungszeugnis landen. Unser Fachanwalt für Verkehrsrecht beantragt Akteneinsicht für Sie und setzt sich für eine Einstellung des Verfahrens ein.
Nach dem Glatteis-Unfall: Jetzt Haftung prüfen lassen
Der juristische Anscheinsbeweis spricht oft gegen Sie, und die Fristen für Bußgeldbescheide laufen. Unser Fachanwalt für Verkehrsrecht sichert die Beweise, entkräftet den Vorwurf des Fahrfehlers und schützt Sie vor strafrechtlichen Folgen, Regressforderungen sowie dem Verlust des Kaskoversicherungsschutzes.
Wann haftet die Gemeinde wegen verletzter Streupflicht?
Wenn die Straße eine Eisbahn war, liegt der Gedanke nahe: „Warum hat hier niemand gestreut?“ Die Erfolgsaussichten einer Klage gegen die Stadt oder Gemeinde sind jedoch gering.
Die kommunale Streupflicht (ein Teil der sogenannten Verkehrssicherungspflicht, also die Rechtspflicht zum Schutz anderer vor Gefahren) ist stark eingeschränkt. Gerichte (z. B. OLG Koblenz, OLG Hamm) verlangen keinen „schwarzgeräumten“ Asphalt. Kommunen müssen innerorts nur an Stellen streuen, die gleichzeitig verkehrswichtig und gefährlich sind (z. B. steile Kreuzungen, scharfe Kurven). Auf gerader Strecke besteht oft gar keine Streupflicht.
Zudem gelten zeitliche Grenzen. Der Winterdienst muss meist nur tagsüber aktiv sein – werktags oft ab 07:00 Uhr, an Sonn- und Feiertagen jedoch häufig erst ab 08:00 oder 09:00 Uhr. Die Pflicht endet meist um 20:00 Uhr. Wenn Sie nachts oder am frühen Wochenende ins Rutschen kommen, haben Sie daher meist schlechte Karten beim Schadensersatz.
Tipp unseres Fachanwalts für Verkehrsrecht:
Klagen gegen Kommunen scheitern oft an der Beweislast. Unser Fachanwalt für Verkehrsrecht prüft die Erfolgsaussichten Ihres Falls und berät Sie zum Prozessrisiko, um unnötige Kosten für Sie zu vermeiden.
Anders sieht es auf Privatgeländen aus, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, etwa Supermarkt-Parkplätze. Hier stellt der Bundesgerichtshof (BGH VI ZR 254/16) strengere Anforderungen: Der Betreiber muss sicherstellen, dass Kunden gefahrlos zu ihrem Auto kommen. Hat er den Räumdienst delegiert und nicht kontrolliert, haftet er selbst.
Wichtiges Detail: Weist der Supermarkt jedoch nach, dass er die Firma sorgfältig überwacht hat, ist er aus der Haftung raus (Exkulpation, also die Entlastung von einer vermuteten Schuld). In diesem Fall müssen Sie Ihre Ansprüche direkt gegen das Räumunternehmen richten – eine Klage gegen den Supermarkt würde dann kostenpflichtig scheitern.

Kernpunkte zur Streupflicht:
- Öffentliche Straßen: Kommunen müssen nur an verkehrswichtigen Gefahrenstellen und zu üblichen Tageszeiten (meist 07:00–20:00 Uhr) streuen.
- Privatgelände: Auf Supermarkt-Parkplätzen und Privatwegen gelten strengere Überwachungspflichten für die Eigentümer.
- Eine Klage gegen die Stadt ist oft chancenlos, gegen private Betreiber bestehen bessere Aussichten.
Was tun nach einem Glatteis-Unfall? (Checkliste)
Unmittelbar nach einem Glatteis-Unfall entscheiden oft wenige Sätze und Handlungen über Ihre spätere Haftung. Bewahren Sie Ruhe und folgen Sie dieser Strategie zur Schadensbegrenzung:
Checkliste: Sofortmaßnahmen am Unfallort
- Ruhe bewahren & Schweigen: Geben Sie keine Schuldeingeständnisse ab. Sätze wie „Es war so glatt“ oder „Tut mir leid“ können später als Haftungsgrund gewertet werden.
- Beweissicherung Fahrbahn: Fotografieren Sie die Unfallstelle detailliert. Machen Sie Nahaufnahmen vom Boden (Eis, Schnee, Streugut) und Übersichtsaufnahmen der Bremsspuren.
- Gegner-Check: Prüfen und fotografieren Sie die Reifen des Unfallgegners. Fehlt das „Alpine“-Symbol (Schneeflocke im Berg), kann dies Ihre Haftungsquote deutlich senken.
- Datenaufnahme: Notieren Sie Adressen von Zeugen (nicht nur Kennzeichen!). Zeugen sind essenziell, um später den Straßenzustand (z.B. Spiegelglätte) zu beweisen.
- Versicherung: Melden Sie den Unfall sofort, aber geben Sie ohne Anwalt keine detaillierte Schilderung zum Hergang ab. Nutzen Sie das Argument der „groben Fahrlässigkeit“ (Verzichtsklausel) aktiv, falls in Ihrer Police vorhanden.
Experten-Einblick
Die Polizei vermerkt bei Glätteunfällen häufig „unangepasste Geschwindigkeit“ als Ursache, auch bei geringem Tempo. Dies hat erhebliche zivilrechtliche Auswirkungen. Zahlen Sie das Bußgeld widerspruchslos, liefern Sie der Kaskoversicherung ein Argument für grobe Fahrlässigkeit. Ohne Einspruch kann der Versicherungsschutz gefährdet sein. Über die Ermittlungsakte lässt sich oft belegen, ob die Glätte unvorhersehbar war und kein typischer Fahrfehler vorlag.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Haben verletzte Familienmitglieder als Beifahrer Anspruch auf Schmerzensgeld?
Ja, auch verletzte Familienangehörige wie Ehepartner oder Kinder haben vollen Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Diese Ansprüche richten Sie direkt gegen die Kfz-Haftpflichtversicherung des Fahrers (Direktanspruch nach § 115 VVG), nicht gegen dessen Privatvermögen. Die Versicherung zahlt auch dann, wenn Sie als Fahrer die alleinige Schuld am Unfall tragen.
Viele Autofahrer fürchten irrtümlich, sie müssten ihre verletzten Kinder oder Partner persönlich entschädigen. Das ist falsch, denn die Haftpflichtversicherung deckt Personenschäden aller Insassen vollständig ab. Juristisch gelten Familienmitglieder als „Dritte“ im Sinne des Haftpflichtrechts, deren Ansprüche auf Basis von Normen wie § 7 StVG (Halterhaftung) oder § 18 StVG (Fahrerhaftung) bestehen. Dies schließt auch Heilbehandlungskosten und Verdienstausfall ein. Beachten Sie jedoch eine wichtige Ausnahme im Versicherungsrecht: Der Unfallfahrer selbst erhält keine Leistungen aus seiner eigenen Haftpflichtversicherung. Hier greift nur eine separate Fahrerschutzversicherung oder eine private Unfallpolice.
Unser Tipp: Melden Sie die Verletzungen Ihrer Mitfahrer sofort der Versicherung, ohne Rücksicht auf den Verwandtschaftsgrad. Verzichten Sie keinesfalls aus falscher Scham auf berechtigte Zahlungen.
Gefährdet das Bezahlen eines Bußgeldes nach dem Glatteisunfall den Kaskoschutz?
Ja. Wer ein Bußgeld widerspruchslos bezahlt, liefert dem Versicherer oft ein starkes Indiz für ein Schuldanerkenntnis (ein rechtlich bindendes Eingeständnis des eigenen Fehlverhaltens) bezüglich grober Fahrlässigkeit. Wenn Sie das Verwarnungsgeld vor Ort akzeptieren, bestätigen Sie indirekt den polizeilichen Standardvorwurf der „unangepassten Geschwindigkeit“. Damit riskieren Sie Ihre Kaskoleistung nach § 81 VVG.
Die Polizei vermerkt im Unfallprotokoll fast immer „unangepasste Geschwindigkeit“ als Unfallursache. Zahlen Sie dieses Bußgeld, schaffen Sie vollendete Tatsachen gegen sich selbst. Die Kaskoversicherung nutzt dieses Aktenzeichen als Beweis für grobe Fahrlässigkeit. Nach § 81 VVG darf sie dann die Leistung kürzen oder komplett streichen. Ohne dieses vorschnelle Eingeständnis handelt es sich oft nur um einfache Fahrlässigkeit. Diese wäre voll versichert, selbst bei Glatteis. Sie liefern der Versicherung also das Argument zur Leistungsverweigerung frei Haus.
Unser Tipp: Legen Sie gegen den Bußgeldbescheid formell Einspruch ein. Zahlen Sie niemals Verwarnungsgelder direkt am Unfallort an die Polizeibeamten.
Darf die Vollkasko bei Reifen ohne Alpine-Symbol die Leistung kürzen?
Ja. Reifen ohne das Alpine-Symbol (Schneeflocke im Berg) gelten rechtlich bei Glätte als Sommerreifen, was den Kaskoschutz massiv gefährdet. Das OLG Frankfurt wertet falsche Reifen im Winter als grobe Fahrlässigkeit. Deshalb darf Ihre Vollkaskoversicherung die Leistung nach § 81 VVG kürzen oder im schlimmsten Fall komplett verweigern.
Seit der situativen Winterreifenpflicht genügt die alte M+S-Kennung allein juristisch nicht mehr. Fehlt das Bergpiktogramm, behandeln Gerichte den Unfall so, als wären Sie mit Sommerreifen gefahren. Die Versicherung kürzt die Auszahlung dann oft drastisch (sogenannte Quotelung, also eine prozentuale Leistungskürzung je nach Schwere des Verschuldens), etwa um 50 Prozent oder auf null. Eine Rettung bietet nur eine spezielle Klausel in Ihrem Vertrag. Enthält die Police den „Verzicht auf Einwand der groben Fahrlässigkeit“, muss der Versicherer trotz falscher Reifen zahlen.
Unser Tipp: Prüfen Sie sofort Ihre Reifenflanke auf das Bergpiktogramm mit der Schneeflocke. Verlassen Sie sich keinesfalls auf eine reine M+S-Markierung.
Besteht bei spiegelglatter Fahrbahn eine Mithaftung des Unfallgegners?
Ja, eine Mithaftung ist unter strengen Voraussetzungen möglich. Sie können eine Haftungsquote von 25 bis 50 Prozent erreichen, wenn Sie ein konkretes Verschulden des Unfallgegners beweisen. Dies gelingt jedoch nur, wenn der Gegner die Glätte erkennen konnte und seine Fahrweise nicht anpasste. Ohne diesen Beweis haften Sie als Rutschender meist allein.
Juristisch greift meist der Anscheinsbeweis (eine Beweiserleichterung, bei der von einem typischen Geschehen auf ein Verschulden geschlossen wird): Wer die Kontrolle verliert, gilt als alleiniger Verursacher (wegen unangepasster Geschwindigkeit). Um diesen Anschein zu widerlegen, müssen Sie beweisen, dass der Gegner die Glätte hätte erkennen können. War beispielsweise Reif an den Leitpfosten sichtbar, hätte er bremsbereit sein müssen. Fährt er ungebremst weiter, muss er sich die von seinem Fahrzeug ausgehende Betriebsgefahr (§ 7 StVG – die verschuldensunabhängige Haftung, die allein durch den Betrieb eines Kfz entsteht) anrechnen lassen. Mit diesem Argument brechen Sie die 100-Prozent-Haftung oft auf.
Unser Tipp: Suchen Sie Zeugen, die bestätigen, dass die Glätte für jedermann – auch den Gegner – offensichtlich war. Dokumentieren Sie Wetterzeichen wie Raureif sofort fotografisch.
Kann die Haftpflichtversicherung bei Sommerreifen im Winter Geld zurückfordern?
Ja. Die Kfz-Haftpflichtversicherung reguliert zwar den Schaden des Unfallopfers vollständig, fordert aber Geld vom Verursacher zurück. Da das Fahren mit Sommerreifen im Winter als schwere Verletzung Ihrer Vertragspflichten gilt, nimmt der Versicherer Sie in Regress. Dieser Rückgriff ist jedoch zum Schutz Ihrer Existenz gesetzlich gedeckelt.
Der Gesetzgeber trennt hier zwei Ebenen: Im ‚Außenverhältnis‘ zahlt die Versicherung immer. Das Opfer erhält seinen Schadensersatz garantiert. Im ‚Innenverhältnis‘ (zwischen Ihnen und der Versicherung) sieht es anders aus: Hier darf der Versicherer Regress fordern. Wegen der Verletzung der vertraglichen Pflichten (sog. Obliegenheitsverletzung, also ein Verstoß gegen die vertraglich vereinbarten Verhaltensregeln) durch falsche Reifen verlangt er Geld zurück – gedeckelt auf maximal 5.000 Euro gemäß § 5 Abs. 3 KfzPflVV. Das schützt Ihre Existenz.
Unser Tipp: Rechnen Sie bei falscher Bereifung fest mit einer Rückforderung von bis zu 5.000 Euro. Bilden Sie für diesen Fall unbedingt finanzielle Rücklagen.
Hinweis: Diese Informationen und die FAQ-Antworten ersetzen keine individuelle Rechtsberatung. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Haben Sie einen ähnlichen Fall? Kontaktieren Sie uns. Wir klären Ihre individuelle Situation und die aktuelle Rechtslage.
Ich bin seit meiner Zulassung als Rechtsanwalt im Jahr 2003 Teil der Kanzlei der Rechtsanwälte Kotz in Kreuztal bei Siegen. Als Fachanwalt für Verkehrsrecht und Fachanwalt für Versicherungsrecht, sowie als Notar setze ich mich erfolgreich für meine Mandanten ein. Weitere Tätigkeitsschwerpunkte sind Mietrecht, Strafrecht, Verbraucherrecht, Reiserecht, Medizinrecht, Internetrecht, Verwaltungsrecht und Erbrecht. Ferner bin ich Mitglied im Deutschen Anwaltverein und in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften. Als Rechtsanwalt bin ich bundesweit in allen Rechtsgebieten tätig und engagiere mich unter anderem als Vertragsanwalt für […] mehr über Dr. Christian Gerd Kotz




