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Bussgeldbescheid –Verjährungsfrist von 6
Monaten – Zustellungsfrist von 2 Wochen
OLG Hamm
Az: 3 Ss OWi 398/03
Beschluss vom: 05.06.2003
Auf die Rechtsbeschwerde der Betroffenen gegen das Urteil des
Amtsgerichts Marl vom 02.12.2002 hat der 3. Senat für Bußgeldsachen des
Oberlandesgerichts Hamm am 05. 06. 2003 beschlossen:
Das angefochtene Urteil wird aufgehoben.
Das Verfahren wird eingestellt.
Die Kosten des Verfahrens einschließlich der der Betroffenen entstandenen
notwendigen Auslagen trägt die Staatskasse.
Gründe:
I.
Das Amtsgericht Marl hat gegen die Betroffene durch Urteil vom 02.12.2002 wegen
fahrlässiger Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit eine Geldbuße
von 100,- € festgesetzt sowie ein einmonatiges Fahrverbot verhängt.
Mit dem angefochtenen Urteil wird der Betroffenen zur Last gelegt, am 27.01.2002
gegen 10.57 Uhr in Marl auf der BAB 52 in Fahrtrichtung Essen mit dem von ihr
geführten PKW die dort durch das Verkehrszeichen 274 wegen Straßenschäden und
schlechter Fahrbahndecke festgesetzte Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h um
mindestens 44 km/h überschritten zu haben. Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs der
Betroffenen wurde mit Hilfe des "Police-Pilot-Systems" gemessen.
II.
Die gegen dieses Urteil gerichtete Rechtsbeschwerde, mit der bei zutreffender
Auslegung die allgemeine Sachrüge erhoben worden ist, hat in der Sache Erfolg.
Sie führt wegen Vorliegens eines Verfahrenshindernisses gemäß § 46 Abs. 1 OWiG,
§ 206 a StPO zur Einstellung des Verfahrens. Die der Betroffenen zur Last
gelegte Ordnungswidrigkeit war mit Ablauf des 27.04.2002 wegen Eintritts der
Verfolgungsverjährung nicht mehr verfolgbar.
Der dem vorliegenden Verfahren zugrunde liegende Bußgeldbescheid datiert vom
24.04.2002 und richtete sich gegen Frau C.S. Bei diesem Nachnamen handelte es
sich um den Geburtsnamen der Betroffenen. Aufgrund der unzutreffenden Angabe des
Nachnamens der Betroffenen erfolgte eine Zustellung des Bußgeldbescheides
zunächst nicht. Die Postzustellungsurkunde wurde an die Kreisverwaltung
Recklinghausen zurückgesandt, wo sie am 30.04.2002 einging. Sie enthielt den
Vermerk vom 26.04.2002, dass die Zustellung nicht habe erfolgen können, da der
Zustellungsempfänger unbekannt sei. Das Verfahren wurde daraufhin durch die
Bußgeldbehörde unter dem 30.04.2002 vorläufig eingestellt. Zur Begründung ist
ausgeführt, der Bußgeldbescheid könne nicht zugestellt werden, da die Betroffene
laut Auskunft des Einwohnermeldeamtes unbekannt sei. Nachdem mittels mehrerer
Anfragen am 30.04.2002, 29.07.2002 und 05.09.2002 der zutreffende Nachname der
Betroffenen ermittelt worden war, wurde der Bußgeldbescheid, nunmehr gerichtet
gegen Frau C.F., der Betroffenen am 17.09.2002 zugestellt. Die Betroffene ist
nach der Geschwindigkeitsmessung am 27.01.2002 durch die Polizei angehalten und
vor Ort belehrt und zu dem gegen sie erhobenen Vorwurf angehört worden. Dies
ergibt sich aus der schriftlichen Anzeige der der Betroffenen vorgeworfenen
Ordnungswidrigkeit vom 21.02.2002, die durch die Bezirksregierung in Münster,
Autobahnpolizeiinspektion APHW Verkehrsdienst beim Ordnungsamt des Kreises
Recklinghausen erstattet und durch den Polizeibeamten W., der nach den
Urteilsfeststellungen das dem vorliegenden Verfahren zugrunde liegende
Tatgeschehen mit einer Videokamera aufgenommen hat, unterzeichnet worden ist,
und wird durch die von der Berichterstatterin am 28.05.2003 eingeholte
telefonische Auskunft des Herrn G. von der vorgenannten
Autobahnpolizeiinspektion der Bezirksregierung Münster bestätigt. Nach dieser
Auskunft werden von einer Geschwindigkeitsmessung Betroffene durch die Polizei
regelmäßig unmittelbar nach dem Vorfall vor Ort angehalten, belehrt und
angehört. Eine spätere mündliche Anhörung - so die weitere Auskunft - erfolge
durch die Polizei grundsätzlich nicht. Durch die Polizei festgestellte
Ordnungswidrigkeiten würden nicht jeweils sofort bei der zuständigen
Bußgeldstelle angezeigt. Es sei vielmehr in regelmäßigen Abständen ein
sogenannter "Schreibtag" vorgesehen, an dem die sich bis dahin angesammelten
Vorgänge zur Anzeige gebracht würden. Dass im vorliegenden Verfahren zwischen
dem Vorfall vom 27.01.2002 und der Anzeige der Ordnungswidrigkeit unter dem
21.02.2002 mehrere Wochen lägen, gebe daher kein Anlass zu der Annahme, dass die
mündliche Anhörung der Betroffenen möglicherweise doch nicht unmittelbar nach
dem Vorfall, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgt sei. Abgesehen
davon würde, wenn eine mündliche Anhörung durch die Polizei ausnahmsweise doch
noch später erfolge, dies in dem darauf dann verwendeten Formular hinreichend
deutlich gemacht. Nach der ebenfalls am 28.05.2003 durch die Berichterstatterin
telefonisch eingeholten Auskunft des Ordnungsamtes des Kreises Recklinghausen
ist eine spätere Anhörung der Betroffenen durch das Ordnungsamt nicht mehr
erfolgt. Die für die der Betroffenen vorgeworfenen
Geschwindigkeitsüberschreitung geltende dreimonatige Verjährungsfrist des § 26
Abs. 3 StVG ist daher nicht durch Maßnahmen gemäß § 33 Abs. 1 Nr. 1 OWiG
unterbrochen worden.
Auch der Erlass des Bußgeldbescheides am 24.04.2002 hat nicht zu einer
Unterbrechung der Verjährungsfrist geführt. Voraussetzung dafür wäre gemäß § 33
Abs. 1 Nr. 9 OWiG, dass der Bußgeldbescheid innerhalb einer Frist von zwei
Wochen zugestellt worden ist. Die rechtzeitige Zustellung ist aufschiebende
Bedingung für den Eintritt der Verfolgungsverjährung, damit dieser auf den
Zeitpunkt des Erlasses des Bußgeldbescheides zurückwirkt (vgl. Göhler, OWiG, 13.
Aufl., § 33 Rdnr. 35; Weller in KK-OWiG, 2. Aufl., § 33 Rdnr. 77 a). Im
vorliegenden Verfahren ist diese Bedingung nicht eingetreten, da der
Bußgeldbescheid nicht innerhalb einer Frist von zwei Wochen, sondern erst am
18.09.2002 der Betroffenen zugestellt worden ist. Die der Betroffenen zur Last
gelegte Ordnungswidrigkeit war damit am 27. April 2002 wegen Eintritts der
Verfolgungsverjährung nicht mehr verfolgbar.
Ein anderes Ergebnis lässt sich auch nicht aus der Vorschrift des § 26 Abs. 3
StVG herleiten. Nach dieser Vorschrift verlängert sich zwar die dreimonatige
Verjährungsfrist auf sechs Monate, wenn ein Bußgeldbescheid ergangen oder
öffentliche Klage erhoben worden ist. Diese Regelung muss aber nach
Inkrafttreten der Neuregelung der Verjährungsunterbrechung in § 33 Abs. 1 S. 1
Nr. 9 OWiG durch das Gesetz zur Änderung des Gesetzes über Ordnungswidrigkeiten
und anderer Gesetze vom 26.01.1998 (BGBl. I, 156) dahingehend ausgelegt werden,
dass der Bußgeldbescheid - mit der Folge der Verlängerung der Verjährungsfrist
auf sechs Monate ab diesem Zeitpunkt - mit seinem Erlass nur dann "ergangen"
ist, wenn er binnen zwei Wochen zugestellt wird. Denn nur auf diese Weise kann
dem erklärten Sinn und Zweck der Änderung des § 33 Abs. 1 S. 1 Nr. 9 OWiG,
nämlich die Verwaltungsbehörde zu einer zügigen Erledigung anzuhalten, auf diese
Weise der Beschleunigung zu dienen und die Rechtssicherheit zu fördern (BT-Dr
13/3691, S. 7, und BT-Dr 13/8655, S. 12) Rechnung getragen werden und können die
Rechtsfolgen der Vorschrift des § 33 Abs. 1 S. 1 Nr. 9 OWiG mit der Vorschrift
des § 26 Abs. 3 Halbsatz 2 StVG sinnvoll aufeinander abgestimmt werden (vgl.
BGHSt 45, 261 = NJW 2000, 820). Erfolgt die Zustellung dagegen später, so
beginnt die sechsmonatige Verjährungsfrist erst mit diesem Ereignis. Das gilt
auch dann, wenn im Zeitraum zwischen Erlass des Bußgeldbescheides und seiner
Zustellung andere verjährungsunterbrechende Maßnahmen getroffen werden (vgl. BGH
a.a.O.).
Entgegen der Ansicht des Amtsgerichts im angefochtenen Urteil konnte daher auch
die vorläufige Einstellung des Verfahrens gemäß § 33 Abs. 1 Nr. 5 OWiG nach
Erlass des Bußgeldbescheides am 30.04.2002 die Verjährungszeit weder
unterbrechen, noch ist durch diese Handlung eine Verlängerung der dreimonatigen
Bewährungsfrist auf sechs Monate gemäß § 26 Abs. 3 2. Halbsatz StVG bewirkt
worden.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 46 Abs. 1 OWiG i.V.m. § 467 Abs. 1 StPO.
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